Weinreben in der Südoststeiermark, wo man im Herbst schöne Weinwanderungen rund um urige Buschenschänke machen kann.
(c) Isabel Riley | 1000things

Riley’s Realtalk: Warum Weinwandern unser schützenswertestes Kulturgut ist

In Riley’s Realtalk hinterfragt unsere Redakteurin Isabel ganz alltägliche Dinge und betrachtet sie aus einem anderen Blickwinkel. Diesmal geht es darum, warum Weinwandern nicht nur ein allgemeines Besäufnis, sondern ein wichtiges Kulturgut ist.

Ich war am Wochenende Weinwandern. Oder vielleicht sollte ich sagen: Wein-„Wandern“. Denn als Tirolerin muss ich zugeben, mit Wandern hat das wirklich sehr wenig zu tun. Das wäre so, als würde man beim Füße ins Meer stecken von professionellem Kraulen sprechen.

Der Wein ruft, aber der Zeitplan drängt

Aber auch beim Weinwandern gibt es natürlich die sogenannten Overachiever*innen, sprich diejenigen, die den Sport-Part etwas zu ernst genommen haben. Das fängt bei der kurzen Wanderhose an, die man bei Bedarf mit Zip zur langen Hose umwandeln kann, bis hin zu den einklappbaren Wanderstöcken. Und dann heißt’s: aufi auf den Berg. Beziehungsweise Hügel – let’s keep it real.

Wenn die Sportmäuse dann noch auf die – nennen wir sie ganz liebevoll – Strateg*innen treffen, könnte das in einem unausgesprochenen Wettbewerb ausarten. Denn die Strateg*innen haben schon Vorbereitung geleistet: Es wurde fleißig recherchiert und selbstverständlich ein Zeitplan erstellt.

Wenn wir jetzt noch eine Flasche bestellen, schaffen wir es nicht mehr zu unserem Zielort Thallern.

Strateg*in XY

Einmal hingesetzt, nie mehr aufgestanden

Ich hab bis dato nicht mal eine Ahnung, in welcher Himmelsrichtung dieser Ort liegt, geschweige denn, dass wir dort scheinbar unbedingt hin wollten.

Wenn’s nach mir ginge, würde ich beim erstbesten Heurigen verhocken.

Isabel Riley

Und ja, die Verhocker*innen gibt es natürlich auch: Hoch zum Heurigen, eine Bierbank ergattern und den Allerwertesten höchstens noch für den Toilettengang bewegen. Ansonsten hockt es sich einfach ZU GUT und die Weinflaschen kommen wie von selbst. Ein Lebemensch.

Beim Weinwandern in Österreich kommt es vor allem drauf an, dass man mit den richtigen Leuten unterwegs ist.
(c) Olivia Schnut

Fachsimpeln bis zum Schwanken

Wieder andere mutieren bereits beim ersten Glas zu professionellen Weinkenner*innen. Sie wollen jede Sorte probieren, stecken die Nase ins Glas – schließlich muss eine olfaktorische Analyse vorgenommen werden – und erklären, welche Holznoten sie herausschmecken. Ich persönlich schmecke ja vor allem: Wein.

Währenddessen stürzt der Bierbank-Nachbar zu tief ins Weinfass und mutiert zum Promille-Profi, der am Heimweg liebevoll vom Kumpel gestützt werden muss. Aber ja, auch das ist beim Weinwandern erlaubt.

Ein Hoch auf die gepflegte Trunkenheit

Denn wir haben das in Österreich wieder ganz geschickt eingefädelt. Wir haben uns gedacht:

Unter welchem Deckmantel können wir ein allgemeines Besäufnis, das sich über den ganzen Tag erstreckt, zu einem Kulturgut machen?

ISABEL RILEY

Und irgendwer muss ja schließlich auch unsere lokalen Betriebe unterstützen, oder? Ich investiere mein Geld jedenfalls sehr gerne in die Winzer*innen meines Vertrauens statt in ETFs und Aktien. Am Ende merke ich aber doch, dass meine wahre Berufung erst zu späterer Stunde zum Vorschein kommt: und zwar in Form einer Hobby-Philosophin.

Am wichtigsten beim Weinwandern in Österreich ist, wer mit einem unterwegs ist.
Auf die lieben Menschen kommt’s an, nicht auf die Strecke, die man zurücklegt. (c) Anna Pixer, Olivia Schnut

Am Ende zählt, wer mit einem auf der Bierbank sitzt

Denn spätestens wenn die fünfte Flasche kommt, stellt sich in mir dieses ganz besondere Glücksgefühl ein:

Wie schön ist das Leben eigentlich?

Isabel Riley

Wie schön, dass wir stundenlang durch Weinreben spazieren können, nur um immer wieder auf der uns so vertrauten Bierbank zu landen. Dass wir über völlig banale Dinge lachen und uns am Nachhauseweg in den Armen liegen (damit wir nicht im Gebüsch landen).

Irgendwann hebe ich mein Glas und stoße auf das an, worum es beim Weinwandern eigentlich geht: die Freundschaft. Vielleicht ist genau das ja das schützenswerteste Kulturgut von allen.


Über Riley’s Realtalk

Ich liebe es, Dinge zu erleben, zu wandern, auf Konzerte zu gehen und neue Lokale im Alpenraum zu testen. ABER immer wieder fallen mir dabei banale Absurditäten auf, über die ich einfach schmunzeln muss.

In der Kolumne Riley’s Realtalk nehme ich alle zwei Wochen genau diese kleinen Alltagsbeobachtungen auseinander. Und ja, ein paar Dinge verleiten mich vom Schmunzeln bis hin zum Ranten! Vor allem will ich aber den Freizeitstress, den viele von uns haben, nicht so ernst nehmen und Dinge, die uns erstmal normal erscheinen, aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Und vielleicht findet ihr euch in der ein oder anderen Beobachtung wieder oder habt das selbst schon erlebt… 

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Artikel aktualisiert am 16.10.2026
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