In der Südoststeiermark kann man schnell die Zeit vergessen wenn man auf die Riegersburg spaziert.
Wenn man auf die Riegersburg spaziert, kann man schnell mal die Zeit vergessen. (c) Isabel Riley | 1000things

Riley’s Realtalk: Warum die Uhren für uns alle anders ticken

In Riley’s Realtalk hinterfragt unsere Redakteurin Isabel ganz alltägliche Dinge und betrachtet sie aus einer anderen Perspektive. Diesmal geht es um fünf Minuten Verspätung, ein ganz eigenes Zeitgefühl und die Frage, ob manche Menschen heimlich in eine Zeitkapsel steigen.

Auf meiner Reise durch die Südoststeiermark im September habe ich mich wieder ertappt: Ich bin einfach immer diese fünf Minuten zu spät dran. Ein Glück, dass unsere steirischen Gastgeber*innen wirklich alle die Ruhe weg hatten. Und dabei hasse ich eigentlich nichts mehr, als zu spät zu sein – denn es löst eine Art Schamgefühl in mir aus: Das Letzte, was ich will, ist, dass die andere Person denkt, ich schätze ihre Zeit nicht.

Die größte Lüge: Ich hab ja eh noch genug Zeit

Trotzdem schaffe ich es auch im Alltag immer wieder. Ich denke mir: „Ich hab ja eh noch genug Zeit“, gönne mir noch einen Kaffee in der Sonne, scrolle durch Instagram oder entscheide mich bei der Outfit-Wahl dreimal um. Und plötzlich schlägt der Zeiger auf jene Uhrzeit, zu der ich eigentlich schon auf halbem Weg sein sollte.

Dann kommt noch mein Endgegner Google Maps hinzu, der mir das Blaue vom Himmel in Form einer unrealistischen Zeitangabe verspricht.

Isabel Riley

Aus 15 Minuten Radfahren werden in meinem Tempo, gepaart mit schlechtem Orientierungssinn, 20 Minuten. Und das, obwohl ich alles gebe, als wäre ich bei der Tour de France kurz vor der Zielgeraden. 

Isabel Riley nimmt in Rileys Realtalk das Thema Pünktlichkeit auseinander.
„Hab eh noch kurz Zeit zum chillen.“ (c) Sonja Ludwig

Manche Leute haben eine heimliche Zeitkapsel

Aber vielleicht liegt es nicht nur an meinem Zeitmanagement. Vielleicht ticken unsere Uhren insgeheim einfach alle anders. Am liebsten würde ich dazu mal eine Feldstudie durchführen. Den größten Beweis für diese These habe ich direkt vor meiner Nase – in Form meiner Mitbewohnerin. Sophia ist nämlich Speedy Gonzales in Person!

Jedes Mal, wenn wir uns beide fürs Bett fertig machen, habe ich kaum die Straßenschuhe ausgezogen, da steht sie schon bettfertig im Pyjama vor mir. Es ist, als würde ich einmal blinzeln, während sie heimlich in eine Zeitkapsel steigt. Irgendwann kommt die Wahrheit sicher ans Licht! Jedenfalls ist es für mich ein Ding der Unmöglichkeit, bei [füge hier x-beliebigen Alltags-Task ein] schneller als sie zu sein. 

Andere fahren auf der Überholspur, ich im Kreisverkehr

Genau da liegt aber vielleicht meine große Erkenntnis: Jeder Mensch hat sein ganz eigenes Tempo. Genauso wie ich nicht schneller sein kann, kann Sophia auch nicht langsamer werden. Wir müssten beide aktiv daran arbeiten, unser Tempo anzupassen. Aber wozu eigentlich?

Es gibt wenig Anstrengenderes, als im Tempo eines anderen durchs Leben zu gehen.

Isabel Riley

Ich habe gelernt, mein eigenes Tempo zu zelebrieren. Wenn ich Zeit habe, in Ruhe zu kochen und dabei einen Podcast zu hören, ist das für mich pure Lebensqualität. Währenddessen darf Sophia ruhig wie ein Wirbelwind durch die Küche sausen – mich bringt das mittlerweile nicht mehr aus der Ruhe.

Im Weinhof Scharl bei Charakterweinen die Zeit vergessen.
Beim einem Glas Wein im Weinhof Scharl ticken die Uhren besonders gemütlich. (c) Isabel Riley, Theresa Puchner | 1000things

Zeit ist unser höchstes Gut

Trotzdem: Die fünf Minuten Verspätung sollten nicht zu zwanzig werden. Wer regelmäßig eine halbe Stunde zu spät kommt – und auch diese Personen gibt es –, hat meiner Meinung nach nicht einfach ein anderes Tempo, sondern ein tiefergehendes Zeitmanagement-Problem.

Alles über 15 Minuten ist einfach nur frech. Insbesondere, wenn diese Verspätung so absehbar wird, wie der Glockenschlag zu Mittag im Dorf. 

Zeit ist schließlich unser höchstes Gut und mit der Zeit anderer sollten wir respektvoll umgehen.

Isabel Riley

Auf die Gefahr hin pünktlich zu sein

Ich nehme mir jedenfalls vor, meine fünf Minuten in Zukunft einfach einzuplanen. Schließlich bringt es mir nichts, fünf Minuten länger Kaffee zu trinken, wenn ich dafür die nächsten zehn Minuten wie eine Irre durch die Gegend radle. Vielleicht ist das nämlich die eigentliche Kunst: das eigene Tempo zu finden – und trotzdem rechtzeitig loszugehen.


Über Riley’s Realtalk

Ich liebe es, Dinge zu erleben, zu wandern, auf Konzerte zu gehen und neue Lokale im Alpenraum zu testen. ABER immer wieder fallen mir dabei banale Absurditäten auf, über die ich einfach schmunzeln muss.

In der Kolumne Riley’s Realtalk nehme ich alle zwei Wochen genau diese kleinen Alltagsbeobachtungen auseinander. Und ja, ein paar Dinge verleiten mich vom Schmunzeln bis hin zum Ranten! Vor allem will ich aber den Freizeitstress, den viele von uns haben, nicht so ernst nehmen und Dinge, die uns erstmal normal erscheinen, aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Und vielleicht findet ihr euch in der ein oder anderen Beobachtung wieder oder habt das selbst schon erlebt… 

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Artikel aktualisiert am 14.10.2026
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