Must-sees im Belvedere: Wie weckt „Der Kuss“ Neugier auf Kunst, Lisa Stadler?
Im Belvedere in Wien finden sich von Schiele bis Klimt viele spannende Kunstwerke: Aber was dürfen Besucher*innen hier wirklich nicht verpassen? Lisa Stadler gibt Einblicke, wie Audiotouren, digitale Medien & Co neue Perspektiven im weltbekannten Museum eröffnen und verrät einen persönlichen Geheimtipp.
Ein Besuch im Museum beginnt heute oft schon auf Instagram – und führt dann direkt zu einem der berühmtesten Kunstwerke Österreichs: Zum Beispiel bei Gustav Klimts Der Kuss im Oberen Belvedere. Das Motiv genießt weltweite Bekanntheit und ist ein echter Dauerbrenner für viele Besucher*innen in Wien. Doch wie wird aus dem gezielten Abhaken eines Must-sees echte Neugier auf Kunst?
Lisa Stadler leitet seit 2023 Kommunikation und Marketing im Belvedere und verantwortet dort unter anderem die digitale Kommunikation und Digitalisierungsagenden. Wie können digitale Angebote und Social Media dazu beitragen, Kunst neu zu entdecken, statt den Museumsbesuch auf ein Foto vor einem berühmten Werk zu reduzieren? Im 1000things-Interview erklärt Lisa Stadler, warum ein Must-see der Anfang einer Entdeckungsreise sein kann, wie Audiotouren Orientierung geben, ohne einen fixen Rundgang vorzuschreiben, und welche weniger bekannte Kunstwerke im Belvedere noch mehr Aufmerksamkeit verdienen.
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Mehr Informationen„Der Kuss“: Alle wollen den echten Klimt sehen
Jana Koch: Kommen viele Besucher*innen mit einer klaren Liste an Must-sees ins Museum?
Lisa Stadler: Im Oberen Belvedere ist Gustav Klimts Der Kuss natürlich das große Must-see. Fast jede*r kennt das Kunstwerk – sei es durch Social Media, popkulturelle Zitate oder vom Poster in einer WG; viele Besucher*innen möchten dem Original einmal gegenüberstehen. Auch Wechselausstellungen werden oft sehr gezielt wegen bestimmter Künstler*innen oder Themen besucht.
Ist dieser Fokus auf einzelne bekannte Werke aus deiner Sicht ein Problem?
Ein Must-see kann ein guter Ausgangspunkt für weitere Entdeckungen sein: Man kommt wegen Klimt und Schiele und begegnet dabei vielleicht einer Künstlerin, die man noch nicht kannte. Selbst wenn man nur für das „Beweisfoto“ auf Insta da ist, entkommt man der einen oder anderen Überraschung eigentlich gar nicht. Das ist das Tolle.
Neugier wecken: Oft reichen schon Details
Wie weckt man Neugier auf Werke, die jemand vorher noch nie gesehen hat?
Das beginnt häufig schon vor dem Museumsbesuch: Newsletter, Presseberichte oder Social Media können mit Geschichten, überraschenden Details oder aktuellen Fragestellungen Neugier auf weniger bekannte Werke wecken.
Im Museum eröffnet Kunstvermittlung weitere Zugänge. Gleichzeitig muss nicht alles vollständig erklärt werden: Kunst darf irritieren, Fragen aufwerfen oder unmittelbar gefallen. Manchmal genügt ein einzelner Hinweis, um genauer hinzusehen – und manchmal spricht ein Werk ganz für sich.
Nicht alles muss vollständig erklärt werden.
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Orientierung geben, aber auch Freiraum lassen
Das klingt nach einer Balance: Wie viel Orientierung brauchen Besucher*innen, und wie viel Raum sollte für eigene Entdeckungen bleiben?
Ich glaube, es braucht beides: Orientierung und Freiraum zum Entdecken. Empfehlungen sind besonders dann hilfreich, wenn sie Türen öffnen, statt den Museumsbesuch zu einer Checkliste zu machen.
Wie kann das konkret aussehen?
Ein gutes Beispiel ist unsere aktuelle Ausstellung STELLPROBE im Belvedere 21, die 160 Werke aus den etwa 2.500 Neuerwerbungen des Belvedere der vergangenen zehn Jahre zeigt. Die Arbeiten aus unterschiedlichen Epochen und Kontexten werden in einem raumübergreifenden Display miteinander in Beziehung gesetzt. Das ist auf den ersten Blick vielleicht ganz schön herausfordernd.
Aber die Besucher*innen können selbst Verbindungen und unerwartete Gemeinsamkeiten entdecken. Die digitale Audiotour bietet mit ausgewählten Stationen Orientierung, gibt aber keinen verbindlichen Rundgang vor. Man kann ihr folgen, einzelne Beiträge auswählen oder die Ausstellung zunächst ganz ohne Anleitung erkunden. Das Belvedere steckt bewusst viel Zeit, Liebe und Innovation in diese Audiotouren und setzt hier neue Akzente.
Was im Belvedere mehr Aufmerksamkeit verdient
Können digitale Formate Menschen gerade auf die Kunst aufmerksam machen, an der sie sonst vorbeigegangen wären?
Ja, unbedingt. Eine Audiotour beispielsweise lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Auswahl von Werken und macht Details sichtbar, die man im Vorbeigehen vielleicht übersehen würde.
Auch Ausstellungsvideos oder Beiträge auf Social Media können weniger bekannte Arbeiten hervorheben und einen überraschenden Zugang zu ihnen schaffen. Für mich sind die interessantesten digitalen Angebote jene, die Neugier auf das Original wecken und dazu anregen, länger und genauer hinzusehen, anstatt das unmittelbare Kunsterlebnis zu ersetzen.

Gibt es ein Werk im Belvedere, das viel weniger Aufmerksamkeit bekommt, als es deiner Meinung nach verdient hätte?
Zeitgenössische Kunst hat es in der breiten Öffentlichkeit grundsätzlich schwerer als weltberühmte Werke von Klimt oder Schiele. Meiner Meinung nach verdient etwa der Skulpturengarten des Belvedere 21 mit Werken international bekannter Künstler*innen wie VALIE EXPORT, Lois Weinberger, Kris Lemsalu oder Fritz Wotruba mehr Aufmerksamkeit.
Die Skulpturen stehen im Dialog mit der Architektur, der Umgebung und der Natur und verändern ihre Wirkung je nach Licht, Wetter und Blickwinkel. Dadurch lässt sich der Garten bei jedem Besuch ein wenig anders erleben und immer wieder neu entdecken. Außerdem kann man in den warmen Monaten mit Blick auf einige Werke einen Kaffee im Gastgarten trinken, das ist für mich die beste Kombi.
Über dieses Interview
Dieses Interview ist Teil unserer Serie rund um Digital Wellbeing und Freizeitinspiration und den 1000things Digital Wellbeing Newsletter für deine Freizeit. Darin zeigen wir dir in sieben Wochen, wie du digitale Inspiration für dich nutzen kannst – und dabei mehr Zeit und Erlebnisse für das echte Leben findest. Die Texte des Newsletters sind in Kooperation mit dem Kontext Club der Mediengruppe Wiener Zeitung entstanden.
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