Ist Overtourism in den Alpen ein Problem, Herr Rothwangl?
Georg Rothwangl beschäftigt sich beim Österreichischen Alpenverein täglich damit, wie Menschen die Berge erleben können, ohne sensible Naturräume unnötig zu belasten. Wir haben mit ihm gesprochen, ob die Alpen ein Problem mit Overtourism haben und wie Social Media Naturerlebnisse beeinflusst.
Digitale Karten, Instagram-Spots und vermeintliche Geheimtipps machen die Planung von Bergtouren einfacher – können aber auch dazu führen, dass sich viele Menschen an denselben Orten sammeln. Georg Rothwangl achtet darauf, dass es für die Natur nicht zu viel wird: Er arbeitet in der Abteilung Raumplanung und Naturschutz des Österreichischen Alpenvereins. Dort beschäftigt er sich mit Naturraummanagement sowie Besucherlenkung und damit, wie Menschen die Berge erleben können, ohne sensible Naturräume unnötig zu belasten.
Dabei hat er auch mit einem Spannungsfeld zu tun: Wie verändert digitale Inspiration unser Naturerlebnis, und wo liegen die Grenzen zwischen technischer Hilfe und Eigenverantwortung? Das wollten wir von ihm wissen. Im 1000things-Gespräch erklärt Rothwangl auch, warum die rote GPS-Linie auf dem Handy manchmal trügerisch sein kann, weshalb ein bisschen Ungewissheit zum Naturerlebnis gehört und warum die Frage „Kann ich das?“ nicht immer die wichtigste ist.
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Früher erzählten Bekannte, heute Social Media
Jana Koch: Warum konzentrieren sich so viele Menschen auf dieselben Orte, obwohl es viele schöne Alternativen gibt?
Georg Rothwangl: Bestimmte Orte haben tatsächlich etwas Besonderes: ein Gewässer, tolle Berge, schöne Bäume oder eine eindrucksvolle Landschaft. Dazu kommt die Erreichbarkeit. An einem Ort, der eine halbe Stunde vom Parkplatz entfernt ist, wird immer mehr los sein als an einem, zu dem man mehrere Stunden über ausgesetztes Gelände gehen muss.
Solche Orte gewinnen zusätzlich an Bedeutung, weil Menschen davon erzählen. Früher geschah das im Bekanntenkreis oder über Magazine. Durch Social Media gibt es heute einen Vervielfältigungseffekt, der teilweise kaum nachzuvollziehen ist. Manchmal sind selbst die Menschen, die ein Foto posten, überrascht, wenn es in den Algorithmus passt, oft geteilt wird und plötzlich eine große Reichweite bekommt.
Ruhe, Fotos, Natur: Alle suchen etwas anderes
Welche Rolle spielt dabei das Versprechen eines Geheimtipps – also das Bild eines besonderen, scheinbar unberührten Ortes?
Manche Menschen möchten vor allem an genau diesem Ort stehen und dort ein bestimmtes Foto machen. Andere suchen tatsächlich Ruhe und ein Naturerlebnis. Gerade sie können enttäuscht sein, wenn die Bilder zwar den schönen Bergsee zeigen, aber nicht die Menschenmassen rundherum.
Wer sich auskennt, geht vielleicht lieber an einen weniger spektakulären Ort und findet dort das Erlebnis, das er sucht. Wer wenig Erfahrung hat, orientiert sich eher an den Bildern und landet dann trotzdem am Hotspot.

Der Alpenverein macht Touren leichter auffindbar und unterstützt Menschen bei der Planung. Gleichzeitig werden dadurch manche Orte noch sichtbarer. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?
Dieser Widerspruch beschäftigt uns täglich. Wir möchten zeigen, wie schön es in der Natur ist. Aber je mehr Menschen deshalb an einen Ort gehen, desto weniger entspricht das Erlebnis dem ursprünglichen Bild. Zugleich sind Wanderwege eine der besten Maßnahmen zur Besucherlenkung in den Alpen: Ehrenamtliche pflegen sie, stellen Schilder auf und bringen Markierungen an. Ohne dieses Wegenetz würden viele Menschen querfeldein gehen.
Im Tourenportal beschreiben wir bekannte Touren deshalb möglichst gut: Wie sieht die Tour aus, welche Schwierigkeiten gibt es und wie kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin? Mit diesen Informationen können sich die Menschen besser vorbereiten, und im besten Fall gehen eher jene hin, für die die Tour geeignet ist.
Die Krux mit der „roten Linie“
Digitale Karten machen die Orientierung einfacher. Verändert die rote GPS-Linie auf dem Handy auch, wie wir eine Tour wahrnehmen?
Sie hat auf jeden Fall etwas verändert. Früher musste man eine Karte und eine Tourenbeschreibung lesen und selbst bestimmen, wo man gerade ist und wo das Ziel liegt. Heute zeigt die „rote Linie“ Ausgangspunkt, Ziel und Weg. Das ist praktisch, kann aber suggerieren, dass es einen durchgängigen, für alle machbaren Weg gibt.
Manche lesen dann nicht mehr genau, was Begriffe wie „ausgesetzt“, „seilversichert“ oder „anspruchsvoll“ in der Orientierung bedeuten. Oder sie berücksichtigen nicht, was 30 Zentimeter Schnee verändern, wenn keine Markierungen mehr zu sehen sind.
Manche lesen nicht mehr genau, was Begriffe wie ‚anspruchsvoll‘ in der Orientierung bedeuten.
Georg Rothwangl, Österreichischer Alpenverein
Die digitale Hilfe ersetzt also mitunter die genauere Beschäftigung mit der Tour. Was geht dabei verloren?
Wir brauchen beides: den Überblick über das gesamte Gelände und die Information, wie wir von A nach B kommen. Auf dem kleinen Handybildschirm sehen wir vor allem, wo wir sind und wie wir der Route folgen. Dadurch entsteht ein starkes Routendenken: Man weiß, dass man entlang der Linie etwa die Hälfte geschafft hat, kann sich aber nicht unbedingt in der Landschaft einordnen.
Eine Übersichtskarte vermittelt eher, ob man sich etwa in einer steilen Südflanke oder in leicht kupiertem Gelände bewegt. Auch Instagram-Spots sind stark auf einen einzelnen Ort und den Weg dorthin fokussiert. Das Einbetten in die Landschaft rundherum fehlt oft.
Overtourism in den Alpen: „kein flächendeckend kritisches Thema“
Wie kann Besucherlenkung funktionieren, ohne immer neue Hotspots zu schaffen?
Viele Hotspots bestehen bereits, weil Topografie, Attraktivität und Erreichbarkeit zusammenpassen. Gute Besucherlenkung kann dazu führen, dass dort noch mehr Menschen hinkommen. Das ist aber nicht unbedingt schlecht: Diese Orte haben meist Parkplätze, Beschilderung und die nötige Infrastruktur. Ob 1.000 oder 5.000 Menschen kommen, wird dann eher zu einem Logistikproblem für Gemeinden und Tourismusverbände.
Uns ist eine Konzentration an geeigneten Orten lieber, als die Masse gleichmäßig über den gesamten alpinen Raum zu verteilen. Denn viele weniger attraktive oder schwer erreichbare Gebiete bleiben dadurch unberührt.
Dann ist Overtourism in den österreichischen Alpen derzeit nicht das zentrale Problem?
Zum Glück ist Overtourism hier noch kein flächendeckend kritisches Thema. An einzelnen Orten kann sehr viel los sein, aber oft findet man zwei Täler weiter Ruhe. Wichtig ist, nicht nur aus menschlicher Perspektive zu fragen, ob wir ein schönes Erlebnis haben. Die Landschaft ist der Lebensraum von Wildtieren und Pflanzen, die bei zu vielen Störungen nicht beliebig ausweichen können.
Technik und Ausrüstung ermöglichen heute sehr viel. Welche Verantwortung entsteht daraus?
Im Bergsport ging es lange um die Frage: Kann ich das überhaupt? Bin ich fit genug, habe ich die richtige Ausrüstung, ist meine Stirnlampe hell genug? Technisch ist heute sehr viel möglich.
Damit stellt sich stärker die Frage: Soll ich alles tun, was ich kann? Ist es sinnvoll, nachts mit einer Stirnlampe durch den Wald zu gehen? Ist das für mich ein tolles Erlebnis – und was bedeutet es für die Wildtiere? Ob ich etwas kann, ist oft leichter zu beantworten als die Frage, ob es sinnvoll ist.

Fotos und Videos helfen bei der Vorbereitung, nehmen einem Ort aber auch etwas von seinem Geheimnis. Was macht das mit dem Naturerlebnis?
Je besser ich durch digitale Medien schon vorher weiß, wie es an einem Ort aussieht, desto weniger Unbekanntes bleibt. Ein Naturerlebnis setzt aber voraus, dass ich mich darauf einlasse, und dazu gehört eine gewisse Unsicherheit.
Wenn ich den Ort schon in unzähligen Videos gesehen habe, fehlt ein Teil des Dialogs mit mir selbst und mit der Natur: Wo gehe ich weiter? Bin ich fit genug? Passt das Wetter noch? Wie sieht es hinter der nächsten Kurve aus? Je vollständiger die Welt digital erfasst ist, desto weniger entsteht diese Interaktion. Das verändert das persönlich empfundene Erlebnis.
Über dieses Interview
Dieses Interview ist Teil unserer Serie rund um Digital Wellbeing und Freizeitinspiration und den 1000things Digital Wellbeing Newsletter für deine Freizeit. Darin zeigen wir dir in sieben Wochen, wie du digitale Inspiration für dich nutzen kannst – und dabei mehr Zeit und Erlebnisse für das echte Leben findest. Die Texte des Newsletters sind in Kooperation mit dem Kontext Club der Mediengruppe Wiener Zeitung entstanden.
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