Bergsport ohne Leistungsdruck: Wie finde ich gute Touren für mich, Sabine Artmayr?
Beim Bergsport dominiert häufig der Leistungsdruck: Wie komme ich rasch auf viele Gipfel? Das muss aber nicht so sein: Bergmentorin Sabine Artmayr erzählt, wie Bergsport ohne ein immer „Höher-schneller-weiter“ auskommt und wie ihr die richtigen Touren für euch auswählt.
Höher, schneller, weiter – auch beim Bergsport ist der Vergleich mit anderen allgegenwärtig. Tracking-Apps und Social Media machen Höhenmeter, Gipfel und Gehzeiten sichtbar und verleiten dazu, die eigene Leistung an der anderer zu messen. Sabine Artmayr ist als Bergsportlerin allein und als Bergmentorin mit Gruppen unterwegs und vermittelt in ihren Camps Frauen Wissen und Fähigkeiten, selbstständig in alpinem Gelände unterwegs zu sein.
Wann wird sportlicher Ehrgeiz zum Leistungsdruck, und wie findet man Touren, die wirklich zu den eigenen Bedürfnissen passen? Darüber haben wir mit Sabine Artmayr gesprochen. Sie erklärt, warum sie ihre Touren zwar trackt, aber nicht jede Gehzeit veröffentlicht, weshalb ein Gipfelfoto nicht immer das eigentliche Ziel sein sollte und wie wir in den Bergen unsere eigenen Maßstäbe setzen können – ganz ohne immer nur auf „höher, schneller, weiter“ zu achten.
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Bergsport ist mehr als „Höher-schneller-weiter“
Jana Koch: Du bist viel in den Bergen unterwegs, allein und mit Gruppen. Erlebst du, dass es manchen Menschen stärker um Höhenmeter, Gipfel und Geschwindigkeit geht als um die eigentliche Tour?
Sabine Artmayr: Bei den Teilnehmerinnen meiner Touren erlebe ich das nicht so stark. Grundsätzlich ist der Bergsport, wie vieles, aber sehr männlich dominiert und von diesem Höher-schneller-weiter-Narrativ geprägt. Eine Tour gilt dann als wertvoll, wenn möglichst viele Gipfel in möglichst kurzer Zeit geschafft werden.
Verstärken Tracking-Apps und Social Media diesen Leistungsdruck?
Ja. Durch Social Media und unsere Geräte können wir alles mittracken und sofort veröffentlichen. Dadurch wird es schwieriger, bei diesem Vergleich nicht mitzumachen. Davor bin auch ich nicht gefeit. Ich sehe, was andere machen, und denke: Die machen viel coolere Sachen als ich.
Dabei geht der Kontext verloren. Ich weiß nicht, welches Ziel jemand verfolgt, wie fit die Person ist oder ob sie für einen Wettkampf trainiert. Für eine Bergläuferin bedeutet langsam etwas anderes als für mich. Trotzdem fühlen wir uns schnell schlecht oder weniger gut.
Tracking-Apps: Eine Frage der Zielsetzung
Du trackst deine Touren trotzdem. Wie nutzt du die Daten, ohne dich ständig mit anderen zu vergleichen?
Ich nutze sie vor allem, um mich mit mir selbst zu vergleichen und Touren realistisch einschätzen zu können. Ich weiß dann zum Beispiel, wie viele Höhenmeter ich schon einmal zurückgelegt habe und wie es mir dabei gegangen ist. Wenn ich ein sportliches Ziel habe, arbeite ich bewusst mit Zahlen und Daten.
Ich hinterfrage aber auch: Warum mache ich diese Tour? Will ich mir selbst etwas beweisen oder will ich sie vor allem veröffentlichen? Es ist völlig in Ordnung, ehrgeizig zu sein und sich sportlich zu fordern. Sehr ambitionierte Touren veröffentliche ich allerdings nicht mit meinen Gehzeiten. Ich möchte nicht, dass meine persönliche Leistung als Norm oder Standard erscheint.
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Mehr InformationenWoran erkennst du für dich eine gute Tour, wenn nicht allein an Tempo und Höhenmetern?
Das hängt davon ab, welches Ziel ich mir für diesen Tag setze. Eine gute Tour kann eine sportliche Herausforderung sein. Sie kann aber genauso gut eine Tour sein, bei der ich viel Zeit habe. Manche Touren, die ich früher an einem Tag gemacht habe, gehe ich heute in zwei oder drei Tagen mit Hüttenübernachtung.
So kann ich länger sitzen bleiben, ein Buch lesen, mit Menschen ratschen oder Kühen auf der Weide zuschauen. Beides darf nebeneinander existieren: Manchmal bin ich ambitioniert unterwegs, manchmal will ich einfach nur raus und keinen Handyempfang haben.
Problematisch wird es für mich dort, wo Menschen für einen Fotospot anstehen.
sabine artmayr, Bergwanderführerin
In den Bergen sind heute gefühlt mehr Menschen unterwegs als früher. Wie blickst du auf überlaufene Wege und Fotospots?
Es sind viel mehr Menschen unterwegs. Orte, die leicht erreichbar sind, zu denen eine Bahn hinauffährt oder bei denen man weit hinauffahren kann, sind meistens besonders voll. Ich meide solche Touren teilweise, wenn ich allein unterwegs bin. Gleichzeitig finde ich es wichtig, nicht abwertend darauf zu schauen.
Auch Menschen, die sportlich nicht so fit sind oder gesundheitliche Einschränkungen haben, sollen in der Natur sein und sich bewegen können. Problematisch wird es für mich dort, wo Menschen für einen Fotospot anstehen. Dann sind wir wieder bei der Frage: Mache ich das für das Foto und Instagram oder für mich?
Gibt es Orte, die du bewusst nicht empfiehlst, weil dort schon zu viel los ist?
Ich empfehle Touren grundsätzlich nicht gern, ohne die Person und ihre Erfahrung zu kennen. Ich orientiere mich an den objektiven Schwierigkeitsgraden und daran, was eine Person kann. Natürlich sage ich auch, welche Regionen ich schön finde.
Zum Schafberg gehe ich zum Beispiel nicht unbedingt von St. Wolfgang aus hinauf, weil oben die Bahn ankommt und dort viele Menschen für das Gipfelfoto stehen. Ruhe und Energie zu tanken ist dann schwieriger.
Touren finden, die zur Person passen
Wie findet man eine schöne Tour, ohne automatisch dort zu landen, wo alle anderen sind?
Man kann viel über den Zeitpunkt steuern und muss nicht unbedingt am Samstag oder Sonntag gehen. Auch bei bewölktem Himmel lassen sich wunderschöne Touren machen. Dafür muss ich allerdings einschätzen können, ob es nur etwas regnerisch ist, ob der Weg bei Feuchtigkeit technisch sicher bleibt oder ob ein Gewitter droht.
Je weiter man sich von Liften und technisch einfachen Zustiegen entfernt, desto eher verteilen sich die Menschen. Wer noch wenig Bergerfahrung hat, sollte aber nicht um jeden Preis die einsamste Route suchen. Wenn man sich verirrt, umknickt, das Wetter umschlägt oder der Handyakku ausgeht, ist es hilfreich, nicht völlig allein zu sein. Je einsamer die Tour, desto besser sollte ich wissen, wie ich in solchen Situationen handle und was ich an diesem Tag tatsächlich schaffe.
Der wichtigste Tipp: Eigene Maßstäbe setzen
Was hilft dir, wenn du merkst, dass du eine Tour gerade vor allem für das Foto, die Likes oder den Vergleich machen möchtest?
Ich versuche, in diesem Moment ehrlich zu mir zu sein: Will ich den zusätzlichen Gipfel wirklich mitnehmen, weil ich mich heute sportlich fordern möchte? Oder will ich vor allem ein Foto posten und allen zeigen, was ich geschafft habe?
Auch der Wunsch nach ein paar Likes ist okay. Wichtig ist das Bewusstsein dafür, warum ich etwas mache und was ich gerade brauche. Außerdem darf man Accounts entfolgen, wenn einem der ständige Vergleich nicht guttut. Es gibt viele Menschen, die zeigen, dass eine Tour auch dann wertvoll ist, wenn sie nicht höher, schneller oder weiter führt. Am Ende sollten wir unsere eigenen Maßstäbe setzen und unser Ding so machen, wie es für uns gerade passt.
Über dieses Interview
Dieses Interview ist Teil unserer Serie rund um Digital Wellbeing und Freizeitinspiration und den 1000things Digital Wellbeing Newsletter für deine Freizeit. Darin zeigen wir dir in sieben Wochen, wie du digitale Inspiration für dich nutzen kannst – und dabei mehr Zeit und Erlebnisse für das echte Leben findest. Die Texte des Newsletters sind in Kooperation mit dem Kontext Club der Mediengruppe Wiener Zeitung entstanden.
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