Kritik zur Eurovision Show in Wien: Dieser Aband war ein echter Banger-anga
Das Grand Final des Eurovision Song Contest 2026 ist geschlagen. Wir waren im offiziellen Mediacenter bei der Wiener Stadthalle live dabei und haben mitgefiebert. Hier lest ihr unsere Show-Kritik!
Im Pressezentrum bei der Wiener Stadthalle, wo ein paar hundert Medienmenschen die Punktvergabe verfolgten, stand die Zeit ganz kurz still: Israel lag mit 343 Punkten voran. Nur Bulgarien hatte noch die Chance, diesen Act beim Eurovision Song Contest einzuholen. Würde es gleich die dafür nötigen mindestens 140 Punkte einfahren? Als der Punkte-Balken stetig in die Höhe schoss und letztlich irgendwo bei 500-Irgendwas zum Stehen kam, ging das Ergebnis im kollektiven Jubel unter: Dara mit ihrem super-tanzbaren Pop-Ohrwurm „Bangaranga“ gewann den ESC 2026 in Wien. Ein würdiger Siegeract, der aber doch völlig überraschend zustande kam.
JJs Auftakt mit Prunk und Pomp
Aber von Anfang an: Der Auftakt dieses denkwürdigen Abends, das lässt sich getrost sagen, war ein durchweg gelungenes, barock schillerndes Pop-Spektakel. Da haben sich zwei Dinge bezahlt gemacht: Erstens, dass sich die Moderator*innen Victoria Swarovski und Michael Ostrowski nobel zurückgehalten und nicht selbst gesungen haben. Zweitens: Dass unser Vorjahressieger JJ zufällig ein Countertenor ist. Ganz in Gold gewandet bildete er den Mittelpunkt eines musikalischen Spektakels, das auch an einem Habsburger Kaiserhof gute Figur gemacht hätte.

Im Prinzip lässt sich dieser Auftakt wie als Musical-Act mit bahnbrechender Schlagzahl beschreiben. Ohne Umschweife ging es mit einem Orchester und Mozart-Intro los, floss direkt in „Wasted Love“ über, dann in die Flaggenparade der Teilnehmerländer Teil Eins, nochmal gefolgt von pompösen JJ-Gesang, dann wieder von Flaggenparade Teil Zwei, wieder JJ, schließlich der Übergang von Oper zu Disco-Vibe-Rave.
Das alles wurde von einer fein choreografierten Tanz- und Akrobatikshow in weiß-roter Pracht untermalt, an der man sich auch kaum sattsehen konnte. Ja: Diese Show hatte endlich alles, was ein ESC-Auftakt braucht, und hat damit für die nicht immer trittsicheren Einlagen in den Halbfinal-Übertragungen entschädigt.
Start ohne Umschweife
Danach ging es mit dem Wettbewerb los, der mit dem skandinavischen Musical-Pop-Act Dänemark gleich einen richtig starken Start hinlegte – der Grundton des Abends, der noch so viel Drama und Spektakel entfalten sollte, wurde gleich zu Beginn gesetzt.
Dänemark folgten im ersten Drittel direkt weitere Banger: hervorzuheben sind „Ferto“ aus Griechenland mit der sehr gelungenen Videospiel-Inszenierung und natürlich Australien. Dieses schickte mit Delta Goodrem, der stimmlich wohl stärksten Pop-Sängerin des Abends, direkt eine Mitfavoritin in den Bewerb – für sie wurde es am Ende Platz 4 mit 287 Punkten.

Bei ihrer kraftvollen Pop-Ballade kam dabei die technisch wahnsinnig ausgefeilte Bühne sehr gut zur Geltung. Zahlreiche Effekte wurden voll ausgenutzt: LED-Lichter und Feuer, ein Klavier samt Lift-Säule, Nebel und eine gewaltige Sonne samt Funkenregen inklusive. Das bleibt ein Höhepunkt aller diesjährigen ESC-Shows: Die Bühne in der Wiener Stadthalle hat einen hohen Maßstab für die kommenden Jahre gesetzt – trotz der schwierigen Umstände in der veralteten Location.
Weniger Moderation war mehr
Unterbrochen wurde die Show wie schon im Halbfinale (unter anderem) zweimal von Clips, die man sich durchaus hätte sparen können. Die Erklärbärin-Videos von „Professor Eurovision“ Swarowski enthielten zwar schon ein paar Funfacts, waren aber ansonsten unlustig. Seit man im Semifinale Zwei außerdem mit einem sehr eigenartigen „Warum sind beim ESC nur noch Gays dabei?“-Video ordentlich ins Klo gegriffen hat, wären die Sendungsmacher*innen gut beraten gewesen, solche Einspieler einfach sein zu lassen.
Abgesehen davon zeigte sich die Moderation diesmal aber verbessert und die meisten Gags waren okay gesetzt. Die erhoffte Steigerung zu den Halbfinal-Shows ist eingetreten: Wir müssen aber trotzdem zugeben, dass die Moderationen im Vergleich zu den vergangenen, überdurchschnittlich guten Jahrgängen in der Schweiz und Schweden ein Stückchen abfielen. So katastrophal, wie im Internet teils geunkt wird, war sie dann aber für uns auch nicht.

Standing Ovations bei „Bangaranga“
Dafür ging die Show selbst sehr schwungvoll weiter – die gewählte Startreihenfolge der Songs erwies sich als wirklich, wirklich stimmig zusammengestellt. Gefühlvollere Acts wie die Mama-Ballade von Albaniens Alis wechselten sich mit energetischen Nummern wie Bulgariens Bangaranga stimmig ab. Apropos: Der spätere Sieger-Act kam in der Mitte der Show mit Startnummer 12 an die Reihe.
Im Pressezentrum, in dem wir Platz genommen hatten, war die Stimmung spätestens während diesem Act völlig am Beben. Bangaranga-Tänze, Standing Ovations, besonders energisches Fahnenschwenken und laut aufbrandender Applaus deuteten es an: Danas Show riss heute besonders viele Fans mit, das Momentum war gekippt.
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Mehr InformationenZu diesem Zeitpunkt hätte man es daher schon düster erahnen können, das Bangaranga vielleicht besser abschneidet, als man sich das vorab erwartet hätte. Denn im Pressezentrum äußerten sich schon vor Beginn der Show auffällig viele Journalist*innen sehr positiv zu diesem Beitrag – echte Siegchancen wurden ihm aber kaum eingeräumt. Maximal wurde so etwas wie eine Top-Platzierung im Publikumsvoting für möglich gehalten. Tja, so schnell können sich Favoritenrollen verschieben!
Running Order: Heiß, cool, heiß, cool, HEISS!
Davon sollten wir zu dem Zeitpunkt aber noch nix ahnen. Stattdessen blieb die Stimmung nach „Bangeranga“ im Raum generell auf hohem Niveau und die Dramaturgie der Show, die weiter auf eine stetige Abwechslung von Ruhe und Action aufbaute, setzte sich gekonnt fort. Ein paar Acts nach Bangeranga gab es etwa eine kleine Zwischenmoderation, sodass wir kurz durchatmen konnten – um direkt danach gleich wieder von der Party-Track-Nummer aus Moldau ordentlich eingeheizt zu bekommen.

Der finnische Flammenwerfer
So wurde man ordentlich warm für die dramatische David-Garrett-artige Geigen-Pop-Nummer aus Finnland, die zu dem Zeitpunkt als Favoriten des Abends galten. Die hitzige Performance „Liekinheitin“ („Flammenwerfer“) ging fehlerfrei und gewohnt spektakulär über die Bühne. Im Pressezentrum wurde der Beitrag zwar mit vergleichsweise weniger Euphorie, aber doch sehr gut aufgenommen – ja, ja, da spielt halt der wahrscheinliche Gewinner, so dachten wir. Letztlich schnitt „Liekinheitin“ aber deutlich hinter den hohen Erwartungen ab (279 Punkte, Platz 6).
Dem Act folgten das hymnische Polen und das roboterige Litauen – noch vor dem ravigen Schweden. Das stetige Stimmungs-Auf-und-Ab funktionierte einfach weiter. Und dann war nach den rockigen Norwegen und Rumänien auch schon Cosmó als Abschluss-Act an der Reihe.
Der Cosmó kommt immer zum Schluss (6 Punkte)
Unser österreichischer Beitrag wurde – Ostrowski und Swarowski konnten dem Gag wohl nicht widerstehen – extra humorvoll anmoderiert: „Wie, wir haben Australia vergessen? Nein, die sind doch schon aufgetreten. Ach ja, jetzt verstehen wir: Austria kommt ja noch!„
Im Pressezentrum wurde der Beitrag wohlwollend angenommen, der Gag hingegen geflissentlich ignoriert. Zahlreiche Medienmenschen und Volunteers shakten zur letzten Nummer dieses Abends mit und zeigten ihre Tanzschein-Eignung, die Stimmung blieb bis zum Schluss gut und von Ermüdung war keine Spur.

Es gab dann auch freundlichen Applaus für Cosmó – auch wenn wir in Gesprächen vor Ort schon zu hören bekamen, dass mit einem Erfolg des österreichischen Acts eher nicht gerechnet wurde. Für uns war es schon gut, dass mit Großbritannien ein Song dabei war, den noch weniger Menschen … verstanden. Na ja, für 6 Sterne, ähm, Punkte hat’s ja immerhin gereicht. Das ist eine Steigerung zu den Makemakes 2015 (0 Punkte). Letztplatzierter wurde Cosmó außerdem auch nicht, weil „Look Mum No Computer“ sogar nur einen einzigen Punkt einheimste.
Warten auf Douze Points
Und dann folgte das Warten, das laaange Warten auf das Voting-Ende und das Endergebnis. Die Zeit wurde diesmal – wir wollen das gerne nochmal lobend erwähnen – nicht von einer Gesangseinlage des Moderationsduos überbrückt. Stattdessen folgte das Mashup eines All-Star-Teams aus Ex-Eurovision-Teilnehmer*innen: Unter anderem Lordi, Erika Vikman, Verka Serduchka, Alexander Rybak und mehr.
Sie schnitten dabei diverse Songs an und dabei nicht zwangsläufig die eigenen. Die letztjährige maltesische Starterin Miriana Konte gab so etwa „Dschinghis Khan“ zum Besten – toll! Besonders gut gefiel uns auch der kurz darauf anschließende Electro-Pop-Beitrag von Parov Stelar, der mit seiner Performance eine gelungene Abwechslung in die Show brachte.

Plötzlich schwächeln Finnland und Australien
Die Einlagen waren jedenfalls um Welten besser als jene der beiden Halbfinal-Shows. Und nach einer gefühlvollen Klavier-Nummer von Cesár Sampson war dann endlich der entscheidende Moment gekommen: Die Punktvergabe!
Zur Erinnerung: Im Vorfeld wurde Finnland als haushoher Favorit gehandelt. Am ehesten war Australien die Chance eingeräumt worden, diesen Act herauszufordern. Beide hatten fehlerfrei abgeliefert, also schien alles für ein mögliches Stechen angerichtet. Während der Punktevergabe der einzelnen Länder wurde nun aber rasch klar: So leicht wird das für die zwei doch nicht. Während sie nur unregelmäßig mal mehr und mal weniger Punkte bekamen, regnete es plötzlich Punkte für einen ganz anderen Act: „Bangaranga“. Mit 204 Punkten lag Dara nach dem Juryvoting plötzlich voran.
Satte 312 Punkte vom Publikum
Im Zuge der Vergabe der Publikumspunkte übernahm schließlich Israel den Lead mit 343 Punkten. An dieser Stelle eine Sidenote: In der Stadthalle hatte es bei dessen Auftritt scheinbar laute Buhrufe gegeben, im TV und im Mediencenter war davon nicht wirklich etwas zu hören – allerdings war die Stimmung beim Act „Michelle“ auch hier einigermaßen reserviert.

Als dieser Act nun die Führung im Scoreboard übernahm, war hier eine unangenehme, angespannte Stille zu spüren. Ein ESC in Israel würde viele Fragen aufwerfen und ungewisse Folgen für den ganzen Bewerb haben, das dachten sich wohl viele. Entsprechend ausgelassen war die Erleichterung und der Jubel, als das Publikum Dara mit satten 312 Punkten doch noch überdeutlich auf Platz 1 (Gesamt: 516 Punkte) hievte. Im Pressezentrum wurde wild getanzt und das innere „Bangaranga“ der Anwesenden war nun völlig entfesselt.
Fazit: Ein gelungener Song Contest in Wien
Abschließend lässt sich sagen: Der Eurovision Song Contest 2026 in Wien hat, trotz des Fehlens von fünf teils durchaus großen ESC-Nationen, recht ordentlich abgeliefert. Das lag vor allem an den Acts, die dieses Jahr in der Breite durchaus ein gutes Niveau zeigten. Es tut dem Bewerb sichtlich gut, wenn national etablierte Popstars wie Delta Goodrem oder eben Dana mitmischen. Auch sonst war’s ein sehr anhörbares Niveau. Cosmó konnte zwar wenige Punkte einfahren – die Null blieb ihm aber erspart und generell hat seine begeisterte Art in der ESC-Bubble viel Sympathie erfahren.
Organisatorisch lief diese Woche für so ein Großevent alles ausreichend rund, die großen Skandale und Pannen blieben während der Shows aus. Die Moderation erreichte nicht das hohe Niveau der Vorjahre, dafür war die Bühne extra herausragend konzipiert. Das muss Sofia (oder wo auch immer der ESC in Bulgarien stattfindet) erstmal nachmachen! Und so bleibt am Ende wohl ein gelungener Eurovision Song Contest ohne allzu große Probleme in Erinnerung.

Das war die Punkteverteilung:
- Bulgarien: DARA – Bangaranga (516 Punkte)
- Israel: Noam Bettan – Michelle (343 Punkte)
- Rumänien: Alexandra Căpitănescu – Choke Me (296 Punkte)
- Australien: Delta Goodrem – Eclipse (287 Punkte)
- Italien: Sal Da Vinci – Per sempre sì (281 Punkte)
- Finnland: Linda Lampenius & Pete Parkkonen – Liekinheitin (279 Punkte)
- Dänemark: Søren Torpegaard Lund – Før vi går hjem (243 Punkte)
- Moldau: Satoshi – Viva, Moldova! (226 Punkte)
- Ukraine: LELÉKA – Ridnym (221 Punkte)
- Griechenland: Akylas – Ferto (220 Punkte)
- Frankreich: Monroe – Regarde ! (158 Punkte)
- Polen: ALICJA – Pray (150 Punkte)
- Albanien: Alis – Nân (145 Punkte)
- Norwegen: JONAS LOVV – YA YA YA (134 Punkte)
- Kroatien: LELEK – Andromeda (124 Punkte)
- Tschechien: Daniel Žižka – CROSSROADS (113 Punkte)
- Serbien: LAVINA – Kraj mene (90 Punkte)
- Malta: AIDAN – Bella (89 Punkte)
- Zypern: Antigoni – Jalla (75 Punkte)
- Schweden: FELICIA – My System (51 Punkte)
- Belgien: ESSYLA – Dancing on the Ice (36 Punkte)
- Litauen: Lion Ceccah – Sólo quiero más (22 Punkte)
- Deutschland: Sarah Engels – Fire (12 Punkte)
- Österreich: COSMÓ – Tanzschein (6 Punkte)
- Vereinigtes Königreich: LOOK MUM NO COMPUTER – Eins, Zwei, Drei (1 Punkt)
