Über Perfektionismus, die Suche nach dem Besonderen und Lady Di in Socken: Zu Gast bei Joschi Walch, Rote Wand
Es gibt Häuser, die sind mehr als nur bloße Fassade. Häuser, die Geschichte schreiben und die von Persönlichkeit nur so strotzen. Häuser, in die man gerne zurückkehrt und die Gastfreundschaft nicht nur großschreiben, sondern durch und durch leben. Bei Zu Gast bei sprechen wir mit besonderen Gastgeber*innen aus dem Alpenraum, echt und auf Augenhöhe. Dieses Mal sind wir zu Besuch bei Joschi Walch.
Zug bei Lech hat vielleicht zehn Häuser, und eines davon frohlockt mit einem ganz besonderen Angebot: die Rote Wand. Eingebettet in ein traumhaftes Bergpanorama, hat Familie Walch hier in den letzten Jahren einen Ort geschaffen, der sich vollends der Kulinarik verschrieben hat.
Wer nach Zug kommt, soll auf den ersten Blick aber gar nicht wissen, was alles zum Hotel gehört. Vielmehr gliedert sich das Haus ganz natürlich in das Dorf und die hiesige Struktur ein – ganz ohne große Leuchtschilder oder sonstigen Firlefanz. Hauptsache authentisch. „Mein Problem war: Ich wollte kein Haus bauen, das den wunderschönen Ort Zug überlagert. Das Hotel sollte Teil der dörflichen Struktur sein und sich dem Ort anpassen, nicht umgekehrt“, erklärt Joschi Walch.
Von fundamentaler Wichtigkeit beim Bau? Die Tiefgarage. „Das klingt vielleicht im ersten Moment unromantisch, aber sie hat es ermöglicht, dass Zug ein wunderschöner Ort geblieben ist. Stell dir vor, da stünden heute siebzig oder achtzig Autos direkt vor der Haustür – das wäre ein reiner Blechsalat“, lacht Joschi Walch.

Der Einfluss der Saisonen und der Wandel hin zum Concierge der Natur
Lech am Arlberg mag in aller Munde und bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sein – wohlgemerkt aber für sein Winterangebot. Denn wer an den Arlberg und seine Ortschaften denkt, assoziiert diese im ersten Augenblick mit verschneiten Gipfeln und perfekt präparierten Pisten. Doch Lech besticht insbesondere im Sommer mit einer einzigartigen Natur.
„Es ist fast schade, dass es ‚zwei Paar Schuhe‘ sind, denn viele Gäste wissen gar nicht, wie wunderschön der Sommer hier ist. Der Winter bietet alles für den Skifahrer, aber wer die echte Natur sehen will – wie der Mensch wirklich im Einklang mit der Landschaft lebt –, der muss im Sommer nach Lech kommen. Wir sind ein Sommerparadies für Genießer. Man kann wandern, biken, schwimmen und einfach entspannen. Ich glaube fest daran, dass der Sommer irgendwann die gleiche Bedeutung und Wertschöpfung haben wird wie der Winter.“
Doch wie gelingt es, als Winterdestination auch im Sommer nachhaltig zu begeistern und den Saisonwandel sogar als Chance zu nutzen? „Der Wintergast kommt zu 90 Prozent wegen des Skifahrens. Wenn er dann noch gut isst und ein schönes Hotel hat, ist das ein Bonus. Aber im Sommer braucht der Gast ein Programm, das den ganzen Tag bespielt, aber nicht ‚bespaßt‘. Unsere Gäste suchen keinen Animateur, sondern einen Concierge, der ihnen die Geheimnisse der Natur zeigt.“

Gastgebertum im Wandel
Joschi führt die Rote Wand bereits seit fast 40 Jahren – und das mit Leib und Seele. „Ich habe über die Jahre so viele Stammgäste gewonnen, die mittlerweile enge Freunde von mir sind. Man trifft sich auch privat, wenn das Hotel zu ist. Trotzdem schätze ich auch eine gewisse Grunddistanz. Wir wollen ja auch ein Leben abseits des Tourismus führen können.“
Ein guter Gast ist jemand, der mit Freude da ist und mit Freude wieder nach Hause geht.
Joschi WALCH, WIRT der roten wand
Angefangen hat in der Roten Wand alles mit Fondue – und zwar als erstes Haus am Arlberg. „Fondue ist ja das klassische ‚Sharing-Produkt‘, heute reden alle über Sharing, aber meine Eltern haben das damals schon als Erlebnis aufgezogen. Mein Papa war Skilehrer, Bauer und Wirt. Er hat die Leute tagsüber auf der Piste getroffen und sie abends mit dem Pferdeschlitten zum Fondue-Essen in der Roten Wand abgeholt. Das wurde so ein Fixpunkt, dass es irgendwann zu einem guten Lech-Urlaub einfach dazugehörte.“
Ein Konzept, das sich auch international schnell großer Beliebtheit erfreute. Mit zu den Gästen der Roten Wand zählen unter anderem Prinzessin Diana und Prinz Charles. „Ich erinnere mich, wie Charles und Diana in Socken bei uns in der Stube saßen und Fondue gegessen haben. Meine Eltern haben es verstanden, die Kochkünste meiner Mutter mit dem Talent meines Vaters, Leute zu unterhalten, zu verbinden“, erinnert sich Joschi.
Doch was hat sich in den letzten Jahren besonders geändert? „Die Gäste erwarten heute eine bessere Dienstleistung, sie sind genauer geworden. Nur eine ‚Show‘ abzuziehen, reicht nicht mehr, es muss Substanz dahinter sein.“
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4 Fragen an Joschi Walch
1000things Magazine: Was bedeutet für dich persönlich „Gastgebertum“?
Joschi Walch: Im Grunde ist Gastgebertum nichts anderes, als glückliche Leute um dich zu haben. Wenn du jemanden anlachst und er ist happy, dann hast du es erreicht. Wenn du willst, dass der Gast kommt, musst du dich um ihn kümmern. Und das versuche ich auch meinen Kindern so weiterzugeben.

1000things Magazine: Du bist auch ein Kritiker der „Schnitzel-Kultur“, wenn sie das Einzige ist, was touristisch geboten wird. Was meinst du genau damit?
Joschi Walch: Schau, ich liebe ein gutes Schnitzel. Aber wir dürfen uns in den Alpen nicht darauf reduzieren lassen. Lech muss als kulinarisches Zentrum wahrgenommen werden, das Innovation wagt. Wenn wir nur das machen, was alle machen, werden wir austauschbar. Der Gast von heute sucht das Besondere, das Einzigartige der Region – aber eben modern interpretiert.
1000things Magazine: Wenn du auf die nächsten 10 Jahre blickst, was ist dein größter Wunsch für die Rote Wand?
Joschi Walch: Dass der Geist des Hauses erhalten bleibt, auch wenn ich nicht mehr an vorderster Front stehe. Dass meine Kinder ihren eigenen Weg finden und dass wir weiterhin ein Ort der Begegnung für Menschen aus aller Welt sind. Und ganz wichtig: Dass wir die Freude am Gastgeben nie verlieren. Denn ohne Freude ist alles andere nur kalte Dienstleistung.

1000things Magazine: In den Medien gab es zuletzt viel Kritik am rauen Ton in der Spitzenhotellerie. Wie stehst du dazu?
Joschi Walch: Ganz ehrlich: Wo ist das Problem? Wenn jemand dort nicht arbeiten will, soll er es nicht tun. Ich finde es Wahnsinn, über jemanden zu schimpfen, zu dem ich freiwillig gegangen bin. Wir sind freidenkende Menschen. Wenn der Chef einmal schreit, dann weiß ich, wo die Tür ist. Aber Spitzenleistung kommt oft durch Druck. Genie und Wahnsinn liegen eng beieinander. Ich verteidige es nicht, wenn jemand ausfällig wird, aber ich sage: Man muss nicht dabei sein, wenn man es nicht will.
Ich sage von mir selbst: Ich darf nicht mehr in die Küche gehen, weil meine Zeit dort vorbei ist. Ich bin jetzt der „nette Chef“, der sich im Hintergrund hält. Die Branche hat sich gewandelt, und das ist für uns alle eine Chance, uns weiterzuentwickeln.
Joschi Walch im Überblick
- Herkunft: aufgewachsen in Zug am Arlberg
- Ausbildung: gelernter Touristikkaufmann
- Rote Wand: 1987 von den Eltern Burgi & Josef Walch übernommen
- Auszeichnung: vier Hauben von Gault&Millau & zwei Michelin-Sterne für den Rote Wand Chef’s Table
- Küche: regionale & saisonal durch und durch
- Familie: Vater von drei Kindern, die teils selbst im Betrieb tätig sind
- immer an seiner Seite: Hund Alma