Shakespeare-Drama mit 2000er-Vibe: Die 1000things Filmkritik zu „Hamnet“
Der Oscar-Kandidat „Hamnet“ punktet mit großen Gefühlen, gewaltigen Bildern und einem zeitlosen Plot: Hier kommt die 1000things Filmkritik!
Ich stehe auf Historien-Filme, ich mag William Shakespeare (all the Drama, Baby!) und ich liebe Kinoabende. Von daher war von Anfang an klar, dass ich „Hamnet“ sehen muss. Also habe mir das viel besprochene Kunstwerk im Filmcasino angeschaut. Spoiler: Ja, auch ich habe geheult. Warum, lest ihr in meiner Filmkritik!
Will, oh, Will…
Kurz zum Plot. Es geht um William Shakespeare (nennen wir ihn: Will) und seine Familie: seine Frau Agnes, die älteste Tochter Susanna und die beiden Zwillinge Judith und Hamnet. Das Familienleben wirkt sehr modern: Will möchte unbedingt Karriere machen, sein beschaulicher Herkunftsort engt ihn aber ein. Agnes lebt sehr naturverbunden und im Dorf wird gemunkelt, sie hätte etwas Hexenhaftes an sich – dabei hat sie generell keine Lust, sich irgendwelchen gesellschaftlichen Normen unterzuordnen.
Letztlich schickt sie Will nach London und bleibt mit den Kindern zurück. Das läuft ganz gut und alle sind recht okay damit, bis der kleine Hamnet grausam an der Pest stirbt und das idyllische Familienleben mit einem Schlag zerrüttet wird – und William schließlich das berühmte Theaterstück „Hamlet“ als persönliche Aufarbeitung der Tragödie schreibt.
Familienidylle und opulente Bilder
Soviel zur Handlung, die Regisseurin Chloé Zhao echt bildgewaltig umgesetzt hat. Oft spielt der Film mit Natur-Mystik und düsteren Vorahnungen – etwa tiefen, undurchsichtig schwarzen Löchern im Waldboden.
Ich wurde so immer wieder daran erinnert, dass wohl bald etwas Schlimmes passieren wird – ich wusste nur nicht, was und wann genau. Das hat die gezeigte Familienidylle inklusive spielender Kinder und lachender Eltern sehr schön kontrastiert. Auch sonst punktet der Film mit ikonischen Bildern, die allesamt Potential für schöne Poster haben.

Wo mir das Herz besonders brach
Schauspielerisch hat der Film ebenso überzeugt, wobei man das bei einer Besetzung auf diesem Niveau auch erwarten kann: Paul Mescal als eher verkopfter Shakespeare, der (ganz klassisch Mann) nicht über sein Gefühlsleben sprechen kann und sich in die Arbeit nach London flüchtet, macht seine Sache sehr solide.
Das gilt auch für Jessie Buckley als Agnes, die den teils wankelmütigen William mit ihrer durchsetzungsstarken Art gut kontrastiert. Zumindest bis zum Tod von Hamnet, der beide Eltern ins Mark erschüttert und alles durcheinanderwirbelt. Das kommt glaubhaft und nachvollziehbar rüber, die Charakterentwicklungen machen Sinn.
Sehr positiv überrascht haben mich die Kinder-Darsteller*innen. Vor allem das Zwillingsgespann Hamnet (Jacobi Jupe) und Judith (Olivia Lynes) hat wahnsinnig gut harmoniert. Die ganze Tragik, als Judith ihren Bruder verliert, war enorm stark ausgespielt und hat bei mir zu starkem Tränenverlust geführt. Großartig!

Shakespeare als Kulisse
Eine Sache, die ich ambivalenter sehe: Der Film hätte nicht zu Zeiten Shakespeares spielen müssen. Die Film-Kritiker*innen von FM4, waren von „Hamnet“ nicht so überzeugt und schreiben sogar, Agnes und William würden wie ein „elisabethanisches Bobopärchen“ wirken. Ich empfand es nicht ganz so krass – aber einen Punkt haben sie damit definitiv.
Denn: Man kann den Plot mit dem Wortspiel aus „Hamnet“ und „Hamlet“ schon so machen. Man kann auch irgendwo noch hineininterpretieren, dass Will den Tod seines Sohnes mit dem Schreiben von „Hamlet“ verarbeitet hat – der Gedanke ist zumindest interessant.
Tatsächlich fängt es den historischen Kontext insgesamt aber nur mittelmäßig ein. Freilich auch deshalb, weil über das Familienleben von Shakespeare nur wenig bekannt ist.
Wenn der Film die Geschichte eines Autors und seiner Partnerin im heutigen Wien erzählen würde, deren Sohn tragisch an Krebs stirbt, würden mir die Tränen genauso kommen und manche Aspekte des Films wären sogar noch einen Tick glaubwürdiger. Kurz: Das Leben von Shakespeare ist in „Hamnet“ eher Kulisse für ein größeres, zeitloses Thema.

„Hamnet“: Ein Shakespeare-Stück 2.0
Vielleicht muss man die Kontext-Frage daher also etwas anders stellen: Shakespeare war ein Schriftsteller, dem es um das große Drama und die ganz großen Gefühle ging – bis in den Tod und darüber hinaus. Das erklärt teilweise wohl die bis heute vorhandene Faszination an den alten Werken. Man braucht nur an „Romeo und Julia“, „Othello“ oder eben „Hamlet“ denken. Da wird geliebt, gestorben und gemordet, dass sich die Bühnenbalken biegen.
„Hamnet“ ist so etwas wie eine zeitgenössische 2026-Version davon: ein Film, der das ganz große Drama als Shakespeare-Tradition mitnimmt, dabei zeitlose Themen aufgreift und modern interpretiert. Von der Darstellung der unabhängigen Agnes, dem so emotional oft so unsicheren wie sensiblen Workaholic Will bis zur unbeschwerten Kindheit von Susanna, Judith und Hamnet (bis der Sensenmann kommt).
Vielleicht konnte ich mich als Mitteleuropäer im 21. Jahrhundert gerade deshalb so gut in die Charaktere hineinversetzen – und das macht einen Teil der Identifikation mit diesem Film aus. Tod und Verlust sind gewaltige Themen, die heute genauso berühren wie vor 400 Jahren.
Genau das wird in „Hamnet“ unter großem schauspielerischen Einsatz und mit opulenten Bildern eindrucksvoll und nahegehend bearbeitet: mit Traurigkeit und Wucht – aber am Ende auch mit Versöhnung und Trost.
