Riley’s Realtalk: Warum ich mich mit meinem Endgegner „Smalltalk“ anfreunden will
Wir lieben es, im Alpenraum unterwegs zu sein – dabei stolpern wir aber immer wieder auch über kleine Absurditäten. In Riley’s Realtalk teilt unsere Redakteurin Isabel ihre Gedanken zu Dingen, die uns eigentlich ganz normal vorkommen. Diesmal fragt sie sich, warum wir uns eigentlich ständig unterhalten müssen, ohne wirklich etwas zu sagen.
In mir zieht sich alles zusammen, wenn ich im Supermarkt ein bekanntes Gesicht am Kühlregal erblicke und die Frage höre: „Na, was machst denn du hier?“ Einkaufen?! Nur eine Vermutung.
Smalltalk fühlt sich an wie 50 Sit-ups
Für mich ist Smalltalk tatsächlich äquivalent zu körperlicher Anstrengung von mindestens 50 Sit-ups. Denn mein Magen fährt jedes Mal Achterbahn, wenn ich an einem stillen Mittagstisch im Büro sitze und das Einzige, was uns zum Reden einfällt, ist:
- „Wie war der Urlaub?“
- „Hast noch einen Urlaub geplant?“
- „Bist auch schon so urlaubsreif?“
- Oder für Smalltalk-Profi-Level: „Wie wird denn das Wetter die nächsten Tage?“
Am Land ist niemand vor Smalltalk sicher
Am smalltalkigsten geht es natürlich am Land zu. Da interessiert sich Gabi selbstverständlich dafür, wie es meiner Mutter geht und ob ich mich noch daran erinnern kann, wie wir im Alpenzoo waren, als ich drei Jahre alt war. Und ob ich überhaupt schon mitbekommen habe, dass der Peter vom Dorf nebenan sich von seiner Sabine scheiden lassen hat. Gibt’s ja nicht?! Kaum zu glauben!
Ich höre diese Namen gerade zum ersten Mal. Zumindest versuche ich so zu tun, als würde ich mich ganz fest anstrengen, um mich an den besagten Alpenzoo-Besuch zu erinnern.
All das, um von der wichtigsten Frage abzulenken: ‘Vermisst du Tirol schon? Schon am schönsten hier, oder?‘
An dieser Stelle am besten einfach nicken und ein paar Einsilber erwidern: Na ja, eh!
Morgens liegt meine Smalltalk-Energie bei -23 Prozent
In Wien läuft das etwas anders. In meinem Wohnhaus kenne ich genau einen Nachbarn. Mit ihm klappt der Smalltalk eigentlich ganz gut – wahrscheinlich, weil er einen süßen Hund hat. Und süße Hunde sind bekanntlich immer guter Gesprächsstoff.
Wobei es bei mir ganz auf die Tageszeit ankommt: Morgens liegt meine Smalltalk-Energie bei mindestens minus 23 Prozent. Natürlich treffe ich meinen Nachbarn gleich in der Früh. Gemeinsam zwängen wir uns in den viel zu kleinen Lift und jetzt sind wir gefangen. Die Small-Talk-Falle hat zugeschlagen: „Du gehst mit deinem Hund spazieren?“ Aha. Aha. „Du fährst jetzt in die Arbeit?“ Ja. Ja. Puh. Erdgeschoss. Raus hier.

Ich hab‘ nichts gegen Gabis & Gerhards
Dabei mag ich meinen Nachbarn richtig gerne. Und auch gegen Gabis und Gerhards habe ich nichts einzuwenden. Alles sehr liebe Menschen. Aber:
Wann haben wir gelernt, uns zu unterhalten, ohne wirklich etwas zu sagen?
Isabel Riley
Wieso stellen wir nicht einfach Fragen, die uns tatsächlich interessieren? Stattdessen reden wir oftmals nur, damit es nicht unangenehm wird. Ich habe inzwischen gelernt: Stille kann man auch aushalten.
Ich hisse die weiße Fahne gegenüber dem Smalltalk
Und trotzdem glaube ich, dass hinter meiner Smalltalk-Abneigung noch etwas anderes steckt: die Zeit. Ich will sie effizient nutzen und keine Minute für seichte Unterhaltungen “verschwenden“. Aber was ist das eigentlich für eine Strategie?
Wo landet diese gesparte Zeit?
Gibt es irgendwo ein Zeitkonto, auf das ich fünf Minuten einzahle, die ich später für ‚tiefgehende‘ Gespräche wieder abheben kann?
Isabel Riley
Nein, so läuft das eben nicht. Vielleicht sind es gerade diese kleinen, manchmal herrlich komischen Begegnungen, die unser gemeinsames Leben ausmachen. Denn was ich bereits weiß ist: Aus „Ganz schön kalt heute, oder?“ kann schnell ein liebgewonnener Nachbar werden, den man gerne auf ein Glas Wein einlädt – und über den man froh ist, wenn er zum zwanzigsten Mal das Paket annimmt.

Über Riley’s Realtalk
Ich liebe es, Dinge zu erleben, zu wandern, auf Konzerte zu gehen und neue Lokale im Alpenraum zu testen. ABER immer wieder fallen mir dabei banale Absurditäten auf, über die ich einfach schmunzeln muss.
In der Kolumne Riley’s Realtalk nehme ich alle zwei Wochen genau diese kleinen Alltagsbeobachtungen auseinander. Und ja, ein paar Dinge verleiten mich vom Schmunzeln bis hin zum Ranten! Vor allem will ich aber den Freizeitstress, den viele von uns haben, nicht so ernst nehmen und Dinge, die uns erstmal normal erscheinen, aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Und vielleicht findet ihr euch in der ein oder anderen Beobachtung wieder oder habt das selbst schon erlebt…
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