„Die Odyssee“: Christopher Nolans Irrfahrt mit zu wenig Tiefgang
In seinem neuesten Film Die Odyssee nimmt sich Ausnahmeregisseur Christopher Nolan dem antiken Epos an. In dieser Filmkritik lest ihr, wie und warum mich der Film enttäuscht hat – und wo er seine Stärken hat.
Gäbe es die Phrase vom zeitlosen Klassiker nicht – für Homers Odyssee müsste sie extra erfunden werden. Denn selbst zirka 3.000 Jahre nach der Entstehung fasziniert das Epos über die zehnjährige Irrfahrt des griechischen Helden Odysseus die Menschheit. So sehr, dass sich nun Starregisseur Christopher Nolan (Filmografie: u.a. Oppenheimer, Dunkirk, Interstellar oder The Dark Knight) an den Stoff getraut hat.
Er brachte Die Odyssee mit einem Budget von 250 Millionen Dollar und einem hochkarätigen Cast auf die große Leinwand. Vorab: Die hohe Erwartungshaltung, die ich hatte, erfüllt der Film maximal stellenweise. Der knapp drei Stunden lange Streifen hat klare Schwächen, durch die er mit anderen Filmen von Christopher Nolan nicht mithalten kann.
Es war einmal auf der Insel Ithaka…
Aber starten wir von Anfang an: Die Odyssee stellt jenen Mann ins Zentrum, der die Idee mit dem berühmten trojanischen Pferd hatte: Odysseus, der Herrscher von Ithaka (kühl und grimmig dargestellt von Matt Damon). Dieser glänzt zum Start aber mit Abwesenheit. Denn zehn Jahre nach Kriegsende ist er noch immer nicht in seine Heimat zurückgekehrt, in der Gattin Penelope (Anne Hathaway) und sein mittlerweile erwachsener Sohn Telemachos (Tom Holland) sehnsüchtig auf ihn warten.
In Ithaka sind längst Machtkämpfe ausgebrochen: Ungeniert buhlen Freier um die Hand von Penelope und möchten so den Thron übernehmen. Besonders ambitioniert und ruchlos gibt sich dabei Antinous (Robert Pattinson), der als Bösewicht heraussticht und gleich mal einen rätselhaften Bettler verspottet, der auf den Hof kommt. Wer der Fremde wohl sein mag?

Eine Rüstung wie aus Star Wars
Die gefühlt erste halbe Stunde des Films rollt diese Hintergründe breit aus. Da glaubt man noch, der Film bleibt frei von Mythologie und Zauberei, ungefähr so wie bei Troja (2004) von Wolfgang Peterson und mit Brad Pitt. Tatsächlich hält sich der Inhalt von Die Odyssee überraschend eng an die antike Vorlage – von einigen Kürzungen und Änderung abgesehen, die für eine Verfilmung wohl nötig sind. Die Mythologie kommt erst später zum Vorschein.
Was direkt nach dem ersten Trailer zum Vorschein kam, war Kritik – etwa an den Requisiten: Rüstungen, Waffen und Schiffe passen historisch gar nicht. Der griechische König Agamemnon schaut wie ein antiker Darth Vader aus – schwarze Rüstung und ein das Gesicht verdeckender Helm inklusive.
Bei einem Epos mit Hexen, Riesen und Nymphen wären solche künstlerischen Freiheiten für mich leicht zu verschmerzen, wenn dafür der Rest stimmt.
Viele Charaktere, wenig Tiefgang
Auch der namhafte Cast wurde vor allem im Internet teils scharf kritisiert. Ich finde: Schade, weil zwar keine Rolle schlecht besetzt wirkt – aber keiner der Charaktere genug Raum bekommt, um mehr Tiefgang zu entwickeln.
Daher wirkten viele Protagonist*innen zu eindimensional: Penelope als treue, etwas verzweifelte Frau, die auf ihren Gatten wartet; Telemachos als der edle, etwas unerfahrene und ungestüme Sohn; Antinous als Ungustl, der einen Bettler verspottet und keine Skrupel kennt.
Da hätte Nolan die antiken Rollen ruhig etwas aufbrechen und ihnen noch mehr Ambivalenz einhauchen dürfen. Drei Stunden Zeit hätte er dafür ja gehabt.

Spät kommt er – doch er kommt!
Erst nach dem langatmigen Einstieg rückt endlich jener Mann ins Zentrum, nach dem die Odyssee eigentlich benannt ist. Rückblende: Nach der zehn Jahre dauernden Belagerung von Troja möchte Odysseus endlich nach Hause. Sein Motto: „Die Götter helfen jenen, die sich selbst helfen!“
Doch nun beginnt eine Irrfahrt, die nochmal zehn Jahre dauern sollte. Dazwischen begegnet er unter anderem einem einäugigen Zyklopen oder der Hexe Zirze, die in einer stark umgesetzten Szene einen Teil von Odysseus Gefährten in Schweine verwandelt. Da ist sie, die griechische Mythologie – und das durchaus effektvoll inszeniert!
Insel-Hopping von Troja nach Ithaka
All diese Begegnungen in Christopher Nolans Odyssee bleiben eng an die antike literarische Vorlage angelehnt. Vielleicht will der Film deshalb zu viel in zu kurzer Zeit unterbringen. Dadurch kommt nie das Gefühl auf, dass Odysseus trotz der vielen Zwischenstationen zehn Jahre lang unterwegs war.
Die epische Irrfahrt verkommt stattdessen teils zu einem Insel-Hopping von einem Kampf zum nächsten. Zwischendurch gibt’s zeitliche Rückblenden, imaginierte Gespräche zwischen Athene (gespielt von Zendaya) und Odysseus und Ausblicke in die Zukunft.
Was man Nolan zu Gute heißen muss: Auch die vielen Zeitsprünge sind an Homers Erzählweise angelehnt, denn auch das antike Epos ist nicht strikt chronologisch aufgebaut.
Durch die vielen Sprünge wirken einige Abenteuer im Film aber, als würden sie mehr oder weniger spurlos an Odysseus vorübergehen. Nur bei der Nymphe Kalypso (Charlize Theron), bei der er letztlich sieben der zehn Jahre verbringt, macht dieser Verlust von Zeit- und Raumgefühl Sinn. Trotzdem wirkt der Film in der Mitte etwas zusammengestoppelt und langatmig. Man fragt sich schon selbst: Wo will Die Odyssee eigentlich hin?

Die Optik stimmt
Dennoch sammelt Nolans Umsetzung auch Pluspunkte: Viele Bilder, die der Ausnahmeregisseur zeigt, sind atemberaubend. Das liegt sicher auch an der enorm aufwändigen Kameratechnik, die bei den Dreharbeiten zum Einsatz kam. Den naturalistischen, kontrastreichen Bildstil fand ich dabei sehr gelungen.
Alleine die mächtige Kulisse des Mittelmeers mit seinen felsigen Inseln, auf die das tobende Wasser peitscht, macht enorm viel her. Wenn dann ein schwerer Sturm das kleine Schiff der Gefährten hin und her wirft, macht man sich dank des scharfen Bildes direkt Sorgen, gleich ein Holzsplitter ins Auge zu bekommen.
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Versöhnliches Ende der Irrfahrt
Immerhin: Zum Ende hin nimmt Die Odysee auch erzählerisch noch an Fahrt auf, als der Held endlich die Heimat erreicht und wir erfahren, warum die Reise wohl wirklich so lange gedauert hat. Der Grund ist in dieser Interpretation eher ein psychologisch-moralischer als ein göttlicher.
Ein längerer Dialog mit seiner Frau Penelope, vor der Odysseus sich zunächst als Bettler ausgibt, ist der stärkste Moment des Films. Er gibt weiten Teilen der Erzählung einen erfrischenden Spin. Freilich darf auch ein Showdown mit den Freiern nicht fehlen.
Die Odyssee bleibt dabei bis zum Schluss eher ein bildgewaltiges Action-Spektakel als ein bewegendes Historien-Drama. Aber der letzte Akt sitzt und ist packend umgesetzt. Die teils auch erzählerische Irrfahrt endet zumindest mit einem akzeptablen Schlusspunkt.

Fazit: 3/5 Punkten für Die Odyssee
Trotzdem bleibt das Gefühl, dass Christopher Nolan aus Der Odyssee mehr hätte herausholen können. Nicht, indem er stärker auf historische Authentizität gesetzt hätte, denn das hätte das Erzähltempo nicht verändert. Auch historisch falsche Requisiten und Details haben mit nicht gestört. Diskussionen über Hautfarben und Geschlechter von Schauspieler*innen halte ich sowieso für Themenverfehlung, der Cast war nie ein Problem.
Zu vielen Figuren hat es schlicht an eigener Agenda und Charakterstärke gefehlt – sie wirken zu oft als liebloses Beiwerk, das auch noch irgendwo vorkommen muss. Sogar Odysseus selbst bleibt blass. Nolan hätte dafür mehrere Stationen der Irrfahrt auslassen müssen. Opulente Schlachten und atemberaubende Bilder aus dem Mittelmeer alleine reichen nun mal nicht, um die Spannung fast drei Stunden lang hochzuhalten.
Ich gebe dem Film 3 von 5 Punkten: Die Odyssee ist bestimmt kein frustrierendes Erlebnis und der Streifen hat ein paar gute Momente. Richtig vom Hocker gerissen hat das Epos mich aber nicht. Bei einem Budget von 250 Millionen Dollar und einem derartig hochkarätigen Cast ist das am Ende dann doch etwas wenig.
