Über Irrationalitäten, den schönsten Arsch der Welt und das vielleicht beste Raum-Zeit-Kontinuum: Zu Gast bei Pia und Peter Fetz, Hotel Hirschen
Es gibt Häuser, die sind mehr als nur eine bloße Fassade. Häuser, die Geschichte schreiben und die von Persönlichkeit nur so strotzen. Häuser, in die man gerne zurückkehrt und die Gastfreundschaft durch und durch leben. Bei Zu Gast bei sprechen wir mit besonderen Gastgeber*innen aus dem Alpenraum, echt und auf Augenhöhe. Dieses Mal sind wir zu Besuch bei Pia und Peter Fetz.
Mitten auf dem historischen Dorfplatz von Schwarzenberg steht der Hirschen – ein alemannisches Holzbarock-Juwel, das nach dem großen Dorfbrand von 1755 wiederaufgebaut wurde und mit imposanter Bregenzerwälder Holzbauarchitektur punktet. Aber auch wenn das Haus schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat: In den historischen Gemäuern tut sich so einiges, denn hier erlebt ihr Alt und Neu in schönster Symbiose.
Als Gastgeber*innen des Hauses in der 10. Generation wissen Pia und Peter Fetz genau, worauf es ankommt: Im Hotel Hirschen erwartet euch ab dem ersten Moment eine Art von Herzlichkeit, die ihresgleichen sucht. Ein Ort, an dem Gastfreundschaft keine leere Worthülse ist, sondern durch und durch gelebt wird. Ein Ort, an dem das Augenmerk nicht nur auf den großen Dingen liegt, sondern auch die kleinsten Details zu etwas ganz Besonderem werden – wie etwa das Line-up beim Frühstück, damit ihr genau wisst, wer euch hier morgens etwas Gutes tut.


Ein Ort, der bewusst auf Irrationalitäten setzt
Gelegen ist der Hirschen in Schwarzenberg – einem kleinen Dorf im Bregenzerwald inmitten der Berge zwischen Arlberg und Bodensee, das mit ikonischer Architektur punktet. Oder wie Pia die Lage liebevoll nennt: „in den Bregenzerwälder Alpen“. Schwarzenberg zählt etwas mehr als 2.200 Einwohner*innen und besticht insbesondere durch seine sehr spezielle Architektur und das einmalige Dorfbild.
Wir hatten einmal eine Dame aus Griechenland bei uns im Team, die hat gesagt, das ist der schönste Arsch der Welt.
PIA FETZ, Gastgeberin


Was macht den Hirschen nun aber so besonders für Menschen, die das erste Mal anreisen? Für Peter liegt der größte Pluspunkt, ein Haus als Eigentümer zu führen, darin, die Freiheit für Ecken und Kanten zu haben und einem Betrieb dadurch seine ganz eigene Persönlichkeit zu geben. „Unser größter Vorteil als eigentümergeführtes Hotel ist, dass wir uns Irrationalitäten leisten können. Und die Summe vieler Irrationalitäten ergibt Charakter. Ich glaube, Ecken und Kanten zu haben und markant zu sein – dahingehend, dass man spürbar Dinge tun kann, die große Ketten nicht tun können –, macht uns aus.“

Das ist ein Mix, den wir auch immer erhalten möchten, weil er einfach spannend ist und diesen Anti-Resort-Gedanken verfolgt, den wir immer schon hatten.
PETER FETZ, Gastgeber
Um genau diesen Anti-Resort-Gedanken aufzugreifen, wurde er auch in der Architektur der drei Häuser entsprechend berücksichtigt: Damit ihr von einem Haus ins nächste gelangt, müsst ihr dieses immer erst verlassen – sprich: ihr müsst vor die Tür und werdet damit bei einem Aufenthalt unwillkürlich selbst zu einem Teil des Dorfes.

Der Hirschen ist grundsätzlich ein historisches Haus, das aber von einer jungen Seele bevölkert wird.
PETER FETZ, Gastgeber
Soll heißen: „Wir versuchen damit zu kokettieren, dass wir innen ein urbanes Produkt haben, das aber außen in einem sehr ländlichen Kontext steht“, erklärt Peter. Insgesamt 26 Zimmer finden sich im Hirschen, allesamt mit viel Charakter. Wofür der Hirschen bis über die Landesgrenzen bekannt ist? Für ein sehr gutes Restaurant, die bunte Kunst, die sich durch alle Häuser zieht, und für einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik.
Oder auch: „Ein Haufen Arbeit“, ergänzt Pia und lacht. Für Pia fühlt sich der Hirschen oft wie eine Verlängerung des eigenen Wohnzimmers an. Ein Ort, an dem tolle Gespräche, Feste und Begegnungen stattfinden.
Wir haben uns das natürlich auch zu dem Platz gemacht, den wir uns auch privat vorstellen würden. Es ist eigentlich immer die logische Konsequenz dessen, wie man es sich zu Hause gestalten würde. Ich glaube, man findet in allem was wir hier tun auch so ein bisschen unsere Persönlichkeit wieder.
PIA FETZ, Gastgeberin


Menschen, die Geschichten zu erzählen haben
„Wir wünschen uns, dass Menschen hierherkommen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Das Ziel war immer, einen Platz zu bauen, an dem sich interessante Charaktere treffen. Das war von Anfang an das eine Ding, das sich durchgezogen hat. Das würde ich so als die große Klammer über dem Haus beschreiben.
Lustigerweise wird das Ganze immer zeitgemäßer, weil wir gerade eine ärgere Intensivierung von Faszination und Technologie erleben. Dahingehend bin ich überzeugt, dass analoge Plätze, an denen sich Menschen treffen, immer relevanter werden“, führt Peter weiter an.


„Unsere Vision war immer, diesen Platz zu schaffen, an dem interessante Charaktere zusammenkommen. Und jedes Mal, wenn uns das irgendwie ein bisschen mehr gelingt, dann bin ich echt stolz darauf – weil es beweist, dass dieses Nebeneinander von Tourismus und Dorf und allen möglichen anderen Sachen, dieses Elegante, Noble, Luxuriöse mit dem Bodenständigen gut einhergehen.
Und ich glaube, diese Brücken zu schaffen, immer diese Kontraste zueinander zu bringen, das ist ein bisschen unsere Spezialität geworden.“
Es haben sich so ein paar scheinbare Unmöglichkeiten aufgelöst im Hirschen – und auf das bin ich eigentlich am meisten stolz.
Peter Fetz, Gastgeber
Ein Haus, in dem man jede Person spürt
Im Hirschen wird Gastgebertum an allen Ecken und Enden gelebt und vorgelebt. „Ich glaube, am Ende des Tages lebt der Hirschen sehr davon, dass wir es geschafft haben, hier 50 Menschen miteinander zu verbinden, denen es ein echtes Anliegen ist, dass man eine gute Zeit hat. Das spürt man irgendwie und das ist dann ein allumfassendes Kümmern“, beschreibt Peter Fetz das Team.
Ich möchte, dass die Mitarbeiter*innen bei uns spürbar sind – dass wir sie nicht durch irgendeinen Standard schleifen und alle das Gleiche tun und sagen. Es wäre mir ein Anliegen, dass sich auch das Produkt ein bisschen verändert, wenn jemand Neues dazukommt, weil wir eine Facette gewonnen haben.
„Das ist so eine Anti-Ketten-Haltung, die aber nicht aus einem Antitum entstanden ist, sondern ganz natürlich aus dem heraus, wie wir glauben, dass wir mit anderen Menschen umgehen sollten, sodass wir unseren Gästen eine Bühne bieten können und dem Gegenüber, auch wenn man mehrere Tage da ist, immer wieder spannende Momente bieten kann. Und das ist, glaube ich, mittlerweile eines der Alleinstellungsmerkmale geworden – auch, weil es zu einer proaktiven Haltung geworden ist.“

Aber wie stellt man so ein Team überhaupt zusammen? „Brick by brick“, antwortet Peter Fetz lachend. Was dabei für die beiden Gastgeber*innen des Hauses besonders wichtig ist? Überzeugungstäter*innen an Bord zu haben, die das, was sie tun auch gerne und vor allem aus Überzeugung tun – und das spürt man.
Wir haben auch schon super viele Jobs extra gebaut. Das ist eigentlich das Schöne, dass wir nicht starr bei einer Job Description bleiben und sagen: „Wir suchen das“, sondern wenn jemand Lust hat mit dabei zu sein, dann kann man auch was bauen und basteln. Da sind wir eigentlich ganz offen.
PIA FETZ, Gastgeberin
Kuratierte Kulinarik und ganze Tiere
Auch – oder gerade deswegen – geht der Hirschen in puncto Kulinarik kompromisslose Wege. Worauf im Hirschen dabei besonders geachtet wird? Das ganze Tier in der Gestaltung der Karte mitzudenken. Daraus ergibt sich für die Speisekarte des Hauses die Notwendigkeit, nicht immer ein Wienerschnitzel oder ein Steak zu servieren, sondern beispielsweise auch Innereien. Was dabei stets mitschwingt? Den Gästen – sowohl hausinternen als auch externen – die größtmögliche Flexibilität zu bieten, auch vegetarisch.

„Unser gastronomisches Konzept heißt Kuratierte Kulinarik. Das bedeutet, dass wir eine täglich wechselnde À-la-carte-Karte servieren, bei der wir zwei bis fünf Gerichte jeden Tag austauschen, damit wir eine gewisse Abwechslung bieten dürfen – auf Drei-Hauben- und Grüner-Stern-Niveau –, was es durchaus komplex für Küche und Service macht. Der Vorteil von diesem Konzept ist, dass wir auch Kleinstmengen von Bauern verwenden können, was bei einem Haus in dieser Größe mit einer starren Karte nie möglich wäre“, beschreibt Peter das Konzept.
Es fühlt sich auch für unser Team sehr gut an, dass unsere Gäste diese Flexibilität beibehalten können.
PIA FET, HOTELIèRE

„Somit sind wir da einigermaßen flexibel und können eine gute Abwechslung bieten. Wir haben auch jeden Abend für alle im Restaurant die gleiche Qualität und das in unserer Größenordnung. Das haben wir sonst noch nicht oft wo gesehen und da sind wir eigentlich ganz stolz, dass wir das stemmen können. Wir haben damit auch großen Erfolg gehabt, dass wir Food Waste einsparen, und zwar in großen Mengen – vor allem auch beim Frühstück“, beschreibt Peter die nachgelagerten Vorteile des Küchenkonzepts.
Der Turbolader des Ganzen sind die Fermentationsprodukte vom Hirschen, also die ganzen Würzsaucen.
PETER FETZ


Die Feste feiern, wie sie fallen
Partys zu feiern – etwas, das aus dem Hirschen nicht mehr wegzudenken ist. Eine Leidenschaft, die Pia und Peter von ihrem Vater Franz Fetz in die Wiege gelegt bekommen haben. Doch welche Rollen spielen Feiern in diesem Haus wirklich? „Ich glaube, prinzipiell wäre der Hirschen heute nicht da, wo er ist, ohne die ganzen Feste. Das hat schon bei unserem Vater angefangen.“
Der hat wirklich verrückte Feste veranstaltet und es damit geschafft, dass schon damals interessante Menschen in den Hirschen gekommen sind. Und irgendwie ist uns das geblieben.
PIA FETZ, Gastgeberin
„Wir tanzen beide gerne, wir legen beide gerne auf und ich glaube, das zieht irgendwie noch mal ganz andere Menschen an. Gerade in diesen Zeiten sind Partys gefragter denn je – auch wenn sie sich vielleicht ein bisschen verändert haben“, betont Pia.
Übrigens: Für die meisten Partys könnt ihr euch ganz einfach über den Newsletter anmelden – nur einige wenige sind exklusiv für Friends & Family.

„Ich glaube, das ist auch so eine Sache, warum die meisten luxuriösen Hotels irgendwie so langweilig sind. Uns ging es darum, dass wir beides cool finden. Es ist angenehm, wenn man eine gewisse luxuriöse Umgebung hat, die schön ist. Aber warum soll man wegen dem keinen Spaß haben? Das ist irgendwie so eine Überzeugung, die wieder dahingehend spielt, dass es hier dual funktionieren kann – und das eine das andere nicht ausschließt.“
Mittlerweile spüre ich in jeder Faser, dass ich irgendwie will, dass da irgendwelche Vögel herum sind, die irgendwas Lustiges tun.
Peter Fetz, Gastgeber

5 Fragen an Pia und Peter Fetz
1000things Magazine: Welchen Platz gibt es nur im Hirschen und sonst nirgends?
Pia: Die Jägerstube.
Peter: Das Problem in der Jägerstube ist, dass dort ein Bruch im Raum-Zeit-Kontinuum ist. (lacht) Also wenn man um 12 Uhr dort ein Bier trinkt, dann hat man eigentlich drei getrunken und statt einer Stunde sind drei vergangen. Aber man merkt eben nichts davon, weil es ein quantenphysikalisches Phänomen ist, dem man nicht Herr werden kann.

1000things Magazine: Wie lässt sich das Miteinander von Dorf und Hotel zusammenfassen?
Peter: Der Interessenausgleich ist nie einfach, aber man schaut gut aufeinander. So wie wir gerne aufs Dorffest gehen und ein paar große Bier trinken, kommen ein paar andere gerne zu uns und probieren mal diesen komischen französischen Weißwein.
Pia: Oder ein Bier in der Jägerstube.
Peter: Bier in der Jägerstube geht immer – für alle. Das ist eigentlich die demokratischste Situation und das demokratischste Produkt, das wir haben.

1000things Magazine: Worauf achtet ihr beim Besuch anderer Betriebe?
Peter: Dass es was Gutes zum Essen gibt. Aber das muss nicht luxuriös sein, es können auch die einfachen Dinge sein. Was mich immer ärgert oder was mich traurig macht, ist, wenn es gutes Essen wäre, aber man das irgendwie nicht so hinbekommt.
Ich glaube, das eigentlich Schönste für mich – oder was ich mittlerweile immer mehr merke – ist, dass ich einfach wirklich auf Orte stehe, die Ecken und Kanten haben. Dieser klassische Luxus langweilt mich zu Tode. Das gibt mir irgendwie nix, in so einer sterilen Bude zu sitzen, wo es standardisierte Menüs und Drinks gibt und da irgendwie einfach überhaupt kein Lokalkolorit oder die Menschen per se spürbar sind – das merke ich immer mehr.

1000things Magazine: Warum lohnt sich ein Besuch im Winter?
Pia: Ich glaube, es gibt fast nix Kitschigeres als Schwarzenberg, wenn es das erste Mal so richtig schneit. Und wenn dann noch zufällig der Typ mit der Kutsche vorbeikommt, dann ist das Kitschspiel perfekt. Wenn man dann reinkommt in den Hirschen, sich vor den neuen Kamin setzt und einen Aperitif trinkt – oder wenn die Abfahrt bis vors Hotel schon präpariert ist – dann kannst du den perfekten Wintertag im Hirschen haben. Und dann die Laternen beim Pool. Hach, ich hab schon wieder Kopfkino!

1000things Magazine: Wie sollen sich Gäste bei euch fühlen?
Peter: Die Mission war immer Stakeholder-Value zu schaffen: Wie kann ich diese Bude so bauen, dass alle Stakeholder behaupten, dass sie ihr Leben verbessert hat. Man schafft es vielleicht nicht bei allen, aber ich glaube, wir haben schon einige erreicht, die behaupten würden, dass der Hirschen ein guter Ort ist.

Pia und Peter Fetz im Überblick
- Herkunft: Schwarzenberg im Bregenzerwald, Vorarlberg
- führen den Hirschen in 10. Generation
- Auszeichnung: drei Hauben von Gault&Millau, Grüner Stern Guide MICHELIN
- Küche: viel Fermentation, Verwendung des ganzen Tieres
- liebster Platz: die Jägerstube